Kulturen in Bewegung: Das Lesen, die Muße und das Recht auf Erholung
- Time Janainas

- vor 3 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Es is gerade für uns als Immigrant*innen wichtig, uns an die Rechte zu erinnern, die wir haben. Ich hoffe, dass du aus diesem Text mitnimmst, Literatur als eines davon zu begreifen.
Natali Reis
Unser erstes Gespräch findet zwischen dem Welttag des Buches am 23. April und dem Tag der Arbeit am 1. Mai statt. Für mich, die Bücher als Werkzeug des Arbeitens gewählt hat, macht diese Zeit alles noch besonderer. Deshalb wollte ich diese Themen zusammenbringen und unser heutiges Gespräch damit beginnen.
Bevor wir anfangen, vielleicht erst eine kleine Vorstellung:

Hallo, ich heiße Natali Reis. Ich habe Literatur- und Sprachwissenschaft an der Unesp-FCLAr studiert und beende gerade meinen Master in Lateinamerikastudien an der Freien Universität mit Schwerpunkt Brasilien im globalen Kontext. Ich komme aus dem Bundesstaat São Paulo, aufgewachsen zwischen Volksglauben, dem Wissen meiner Großmütter und den Geschichten, die meine Mutter mir über ihre Kindheit in Pernambuco erzählt hat. In meinem noch kurzen Leben habe ich mich schon ein wenig herausgefordert: Ich war Lehrerin für Literatur, Grammatik und Schreiben, habe schon im Studium Spanisch und Deutsch gelernt und CAPES-Stipendien für Forschungs- und Lehrprojekte bekommen. Als ich vor fast drei Jahren nach Berlin kam, fragte ich mich (und vielleicht frage ich mich das bis heute noch) wie das Leben mich eigentlich auf diese Seite der Welt gebracht hat. Wie so viele andere Migrantinnen hinterfrage ich oft meine Entscheidungen, während ich gleichzeitig ein Netzwerk aufbaue, das mich mit Wärme und Liebe überrascht.
Ich liebe den Karneval der Sambaschulen, Pagode und gute Geschichten mit Kaffee (immer Filterkaffee, ohne Zucker und ohne Milch). Hier wirst du diese Leidenschaften vermischt finden mit Fragen, die mich begleiten: Wie kann man sich im migrantischen Leben durch Kunst (wieder)erkennen und (wieder)finden? Mein Ziel ist, dich mit der brasilianischen Kultur in Berlin zu verbinden – aber auch mit dem, was in Brasilien passiert. Ich bitte aber schon jetzt um Erlaubnis, auch über andere kulturelle Formen zu sprechen. Denn auch ein lateinamerikanisches Fest, eine Ausstellung afrikanischer Kunst oder ein gutes libanesisches Essensfestival erinnern mich an Zuhause.
Willkommen bei Kulturen in Bewegung.
23. April – Welttag des Buches
Es gibt eigentlich immer Gründe, diesen Tag zu feiern. Aber ich finde, 2026 hat rund um dieses Datum besonders gute Nachrichten gebracht.

Die Veröffentlichung von MEC Livros Anfang April war ein großer Schritt für das, was ich als eine kleine Leserevolution verstehe – darüber sprechen wir noch. Auf einer kostenlosen Plattform stellt die brasilianische Regierung rund 1.700 Werke zur Verfügung: einige gemeinfrei, andere durch Vereinbarungen zugänglich gemacht.
Mit dieser virtuellen Bibliothek wird der Zugang zu Büchern demokratischer. Der Login bei MEC Livros funktioniert ganz einfach über dein Gov.br-Konto. Für uns, die außerhalb Brasiliens leben, ist das Ausleihen von Büchern allerdings ohne VPN nicht möglich.
Lesen in Berlin

Für alle ohne VPN – oder für alle, die auf physische Bücher nicht verzichten wollen, hat Berlin wunderbare Bibliotheken. Kennst du schon den VÖBB? Der Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins ist wohl der praktischste Weg, Bücher in Bibliotheken über die ganze Stadt verteilt auszuleihen. Den vollständigen Lagepläne findest du hier.
Für die Anmeldung:
online registrieren hier
oder mit Ausweis und Meldebescheinigung in eine teilnehmende der Bibliotheken gehen
Jahresbeitrag: 10 Euro
Außerdem gibt es Bibliotheken mit eigenem Zugang, wie zum Beispiel die Bibliothek des Ibero-Amerikanisches Institut.
Meld dich auf der Website des Instituts an, bekomm kostenlos deinen Bibliotheksausweis und greif online auf den gesamten Katalog zu.
Bücher auf Spanisch, Englisch, Deutsch und Portugiesisch stehen zur Verfügung. Du musst sie nur eine Stunde vor der Abholung reservieren und. Du kannst die Bücher einen Monat lang kostenlos ausleihen.
Und zuletzt muss ich A Livraria erwähnen. Eine Buchhandlung mit Büchern auf Portugiesisch, Spanisch, Englisch, Deutsch und Italienisch. Sie haben immer die neuesten Neuerscheinungen, nehmen Bestellungen an und sind außerdem ein Ort, an dem man dieses besondere Gefühl stillen kann, ein paar Minuten oder Stunden, zwischen Büchern zu verbringen, zu blättern und die nächste Lektüre auszuwählen.
Geschichte jenseits des Buches
Ich finde es wichtig, dass wir hier nicht so über das Lesen sprechen, als wäre es etwas Selbstverständliches. Denn das ist es nicht. Ich wünsche mir, dass hier nichts als offensichtlich und unausgesprochen bleibt. Dass wir einfache Fragen stellen und komplexe Dinge benennen dürfen. Denn genau so erkennen wir uns wieder und schaffen etwas Vertrautes weit entfernt von Zuhause.
Einer meiner liebsten Texte überhaupt ist Antonio Candidos Essay Das Recht auf Literatur.

Wenn niemand vierundzwanzig Stunden leben kann, ohne in die Welt der Fiktion und Poesie einzutauchen, dann entspricht Literatur einem universellen Bedürfnis – und dessen Erfüllung ist ein Recht.
Wir erschaffen und bewohnen ständig das Universum der Fiktion. Ich glaube, für uns als migrantische Menschen ist die Verbindung zu Gedanken, Möglichkeiten und Geschichten, die wir im Laufe des Tages entwerfen, noch intensiver. Viele von uns haben sich das Leben hier schon vorgestellt, bevor sie kamen; und viele stellen sich die Rückkehr nach Hause vor – sei es für einen Besuch oder dauerhaft.
Antonio Candido erinnert uns auf brillante Weise daran, dass Literatur, wenn sie dieses Universum des Schaffens ist, ein universelles Bedürfnis darstellt, das wir jeden Tag erfahren. Zugang zu geschaffener Literatur zu haben, ist deshalb tatsächlich eines der Rechte des menschlichen Lebens. Wir brauchen – und zum Glück haben wir – Zugang zu möglichen Welten und alternativen Wirklichkeiten in den Geschichten, die wir lesen. Und sie sind essentiell, um unsere eigenen Wirklichkeiten neu zu gestalten und Lebensformen zu entdecken, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existieren.
Leseempfehlungen

Vielleicht hast du diese zwei bunten Bücher noch nicht gesehen. Sie sind von der großartigen Socorro Acioli, für mich eine der wichtigsten Stimmen des magischen Realismus in Brasilien.
Magischer Realismus ist etwas sehr Lateinamerikanisches. Natürlich ist Gabriel García Márquez ein zentraler Name. Und ich empfehle Hundert Jahre Einsamkeit von Herzen.
Für mich lässt sich dieses Genre am besten über die Geschichten erklären, mit denen man aufgewachsen ist. Meine Großmutter erzählte immer von einem Herrn, der die Frauen meiner Familie über verschiedene Generationen hinweg besuchte. Und dass ich wissen sollte, dass er irgendwann auch bei mir erscheinen würde. Dieser Herr sei in Wahrheit ein Engel, auf die Erde geschickt, um zu prüfen, ob mein Herz gut ist. Wenn ich ihm helfen würde, bekäme ich als Belohnung eine Rose – eine Rose, die niemals verwelkt wird. Meine Großmutter sagte, ihr sei das passiert, genauso wie ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Die Rose? Die ging irgendwann verloren – so sind fantastische Geschichten eben.
Ich gebe zu, dass ich mich bis heute frage, ob es nicht etwas gewagt von mir war, den Kontinent zu wechseln, bevor der Herr an meiner Adresse vorbeikam. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass er Zugang zu meiner Anmeldung hat und mich unter einem der vielen PLZ findet, die ich hier in Berlin inzwischen hatte.

Neben dem großen Erfolg auf der Plattform des MEC Livros wurde A Cabeça do Santo als Thema für den Karneval 2027 der Unidos da Tijuca angekündigt. Und das nehme ich zum Anlass, nicht nur die beiden Bücher zu empfehlen, sondern auch einige literarische Paraden:
Die Parade der Portela 2024 mit dem Thema Um Defeito de Cor
Die Parade der Imperatriz Leopoldinense 2023 mit dem Thema O aperreio do cabra que o excomungado tratou com má-querença e o santíssimo não deu guarida. Die Parade erzählte die Geschichte von Lampião und hatte eine meiner liebsten comissões de frente.
Das Lesen, die Muße und das Recht auf Erholung
Ich hoffe, dass du diese Kolumne inspiriert verlässt und noch mehr Lust aufs Lesen bekommst. Und nein, ich habe nicht vergessen, dass ich den 1. Mai und die besagte Revolution erwähnt habe, von der ich glaube, dass sie im Lesen stattfindet.
Was das Datum betrifft, denke ich, dass wir uns daran erinnern sollten, wie revolutionär es ist, etwas aus Freude und zur persönlichen Bereicherung zu tun – in einem Kontext, der uns beibringt, drei Dinge gleichzeitig zu erledigen, Audios in doppelter Geschwindigkeit zu hören und zu glauben, dass alles unserem Job einen Nutzen bringen muss. Ich weiß, dass es ein Privileg ist, darüber sprechen zu können, aber ich denke, dass es gerade für uns als Immigrant*innen wichtig ist, uns an die Rechte zu erinnern, die wir haben. Ich hoffe, dass du aus dieser Lektüre mitnimmst, Literatur als eines davon zu begreifen.
Außerdem dürfen wir die Kämpfe und Revolutionen nicht vergessen, die noch zu Hause, in Brasilien, stattfinden müssen. Das Ende der 6x1-Arbeitswoche ist mehr als nur eine wirtschaftliche oder arbeitsrechtliche Veränderung – es ist ein Schritt hin zu Lebensqualität und Erholungszeit für die arbeitende Bevölkerung. Ich lade dich ein, an diesem Feiertag deine Energie darauf zu verwenden, mit Freund*innen und Familie darüber zu sprechen.
Und was die Revolution angeht: Ich sehe immer mehr Frauen, die ohne Angst ihre Fantasy-Lektüre teilen, Buchclubs organisieren, Kommentare auf TikTok teilen und vieles mehr. Ich glaube fest daran, dass sich die bestehenden Leserinnen – trotz der jüngsten traurigen Zahlen – zusammenschließen, um diese Kunstform noch stärker zu verbreiten. Und ich glaube auch, dass der Schreck über das Schließen von Buchhandlungen und die geringe Zahl an Leserinnen uns hat erkennen lassen, wie kleinlich es ist, die Qualität einer Geschichte zu messen. Ich hoffe, du bist glücklich mit dem, was du liest. Wenn du bis hierhin gelesen hast, glaub mir: Du bist sehr wohl eine lesende Person.
Bis zum nächsten Mal!



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